Leon Engler: Botanik des Wahnsinns

Durch die Familiengeschichte des Ich-Erzählers Leon zieht sich eine breite Schneise psychischer Verwüstungen. Der Großvater verbringt mehr Zeit in der Psychiatrie als außerhalb. Die Großmutter ist bipolar, paranoid und überlebt 12 Suizidversuche. Der Vater ist ein kindlich-sanfter, aber schwer depressiver Mann. Einzig die Mutter scheint alles anders zu machen. Sie verlässt ihren Mann und wird eine erfolgreiche Journalistin, doch irgendwann hat sie genug, kündigt und verfällt in kürzester Zeit dem Alkohol.

Kein Wunder, dass Leon mit der Angst aufwächst, selbst verrückt zu werden und in einer geschlossenen Abteilung zu landen. Genau so kommt es auch, nur anders als vermutet, denn Leon hat nach einigen Flucht- und Umwegen Psychologie studiert, und so betritt er die Psychiatrie – als Therapeut!

Eine seiner ersten Aufgaben: Er soll seine eigenen Anamnesebogen ausfüllen. Leon verbummelt den Auftrag. Stattdessen beginnt er, dieses Buch zu schreiben, eine etwas ausführlichere Art der Anamnese.

Es spielt auf drei Ebenen, die mühelos zusammenfinden:

Auf der ersten taucht er analytisch und zutiefst empathisch zugleich in die Lebens- und Leidensgeschichten seiner Eltern und Vorfahren ein.

Auf der zweiten erzählt er von seinem oftmals surreal anmutenden Klinikalltag, davon, wie ihn fast schon ein schlechtes Gewissen plagt, weil der „die Seiten gewechselt hat“ und den „Verrückten“ nun ihre Krankheiten erklären soll.

Die dritte, eher essayistische Ebene schließlich schafft einen größeren Zusammenhang, fragt nach der Vererbung psychischer Traumata über Generationen hinweg und zweifelt an der Sinnhaftigkeit psychiatrischer Kategorisierungen. 

Leon Engler hat einen umwerfenden autofiktionalen Debütroman über den schmalen Grat zwischen Wahnsinn und sogenannter Normalität geschrieben.

 


Bibliographie